Steckbrief:

Zuckerrüben

Mit dem Ziel, die Biodiversität in landwirtschaftlichen Produktionssystemen zu fördern, wurde auf den FINKA-Projektflächen über einen Zeitraum von fünf Jahren auf den Einsatz chemisch-synthetischer Insektizide und Herbizide verzichtet. Fungizide, Wachstumsregler und eine Düngung nach konventionellen Vorgaben waren auf der herbizid- und insektizidfreien Fläche weiterhin möglich. In den Anbaujahren 2022 bzw. 2024 wurden auf den Projektflächen von vier FINKA-Betriebspaaren Zuckerrüben ohne Herbizide und Insektizide angebaut und untersucht.

Kulturführung

Der Förderung von Nützlingen kommt im Zuckerrübenanbau eine hohe Bedeutung zu, da sie Schädlinge wie Blattläuse biologisch regulieren können.

Verschiedene Projekte setzen sich mit der gezielten Förderung von Nützlingen im Zuckerrübenanbau auseinander:

→ Projekt – FlowerBeet – Blühstreifen zur Nützlingsförderung und Bekämpfung von Blattläusen als Virusvektoren
→ Projekt – Gezielt Insektenförderung für die Landwirtschaft 

Beim Verzicht auf Herbizide spielt die Berücksichtigung vorbeugender Maßnahmen zur Beikrautregulierung eine entscheidende Rolle. Eine vielfältige und ausgeglichene Fruchtfolge, möglichst mit einem Wechsel von Sommerung und Winterung sowie Blatt- und Halmfrüchten, ergänzt durch Zwischenfrüchte, bildet die Grundlage für gesunde Pflanzenbestände mit ausgewogenem Beikrautvorkommen.

Im Zuckerrübenanbau sind die Sortenwahl, ein sorgfältig vorbereitetes Saatbett, das Anlegen eines Scheinsaatbetts und ein günstiger, nicht zu früher Aussaattermin wichtige Stellschrauben für eine gute Entwicklung der Kulturpflanzen.

Mechanische Beikrautregulierung in Zuckerrüben. ©Tempel

Da Zuckerrüben Beikräuter weniger gut tolerieren als beispielsweise Getreide, ist hier eine besonders sorgfältige Regulierung erforderlich. Neben den vorbeugenden Maßnahmen sind im herbizidfreien Zuckerrübenanbau mechanische Verfahren wie das Striegeln und Hacken unerlässlich. Mehrmaliges (optional auch quer zum Bestand) Striegeln und Hacken ist in der Regel notwendig, um eine ausreichende Beikrautregulierung zu erreichen. Die Rollhacke kann eine sinnvolle Ergänzung darstellen.

 

 

Weiterführende Infos  und Versuchsergebnisse der LWK Niedersachsen zum Striegeln in Zuckerrüben.

Zusätzlich ist bei Herbizidverzicht mit Kosten für Handhackarbeiten zu rechnen. Steigende Lohnkosten und die sinkende Verfügbarkeit von Arbeitskräften führen dazu, dass immer mehr Ökobetriebe auf autonome Hacktechnik setzen. Roboter können das Beikraut auch in der Kulturreihe wirksam regulieren und so den arbeitsintensiven Einsatz der Handhacke deutlich reduzieren.

Robotik in der Landwirtschaft ist keine Zukunftsvision mehr.

 

Im Video: Der Roboter hackt zwischen und in den Reihen des Zuckerrübenbestands. ©Tempel

 

Teilweise setzen Betriebe auch auf thermische Verfahren und nutzen Abflammgeräte zur Regulierung unerwünschter Beikräuter. Auf einzelnen Betrieben sind auch Lasergeräte im Einsatz, welche das Beikraut punktuell mit Laserstrahlen beseitigen oder schwächen. Des Weiteren kann durch die Kombination chemischer und mechanischer Verfahren (Bandspritzung in Kombination mit der Hacke) sowie punktuelle Regulierung (Spotspraying) der Einsatz von Herbiziden reduziert werden.

Auf den herbizid- und insektizidfreien FINKA-Zuckerrübenflächen wurden unterschiedliche Strategien zur Beikrautregulierung erprobt:

  • Striegel, Hacke + Handhacke
  • Striegel, Rollhacke, Hacke, Handhacke
  • Blind striegeln + Roboter + Handhacke
  • Roboter + Hacke + Handhacke
  • zusätzlich auf Ökofläche: thermisches Verfahren

Kosten Beikrautregulierung

Die begrenzte Stichprobengröße (n=4) erlaubt eine Darstellung betriebsindividueller Erfahrungen, jedoch keine abgesicherten Aussagen über die Auswirkungen des Verzichts auf Herbizide und Insektizide im Zuckerrübenanbau.

Auf den herbizidfreien FINKA-Flächen wurden im Mittel 249 €/ha an Herbizidkosten eingespart. Dem standen jedoch mehrere Überfahrten mit Geräten zur mechanischen Beikrautregulierung (z. B. Striegel, Hacke, ggf. Rollhacke oder Roboter) sowie zusätzlich stark schwankende Ausgaben für Handhackarbeiten (mit Kosten zwischen 200 und 2.800 €/ha) gegenüber. Als Bioware vermarktete Zuckerrüben können die aufwändigeren Produktionskosten in der Regel kompensieren. Für konventionell produzierte Zuckerrüben gestaltet sich die konsequente Substitution chemischer durch mechanische Verfahren bislang als nicht rentabel.

Im Video: FINKA-Landwirt Götz Schumacher © Landvolk

 

Aufgrund unterschiedlicher Faktoren (wie u.a. der Förderung von Nützlingen, sich verändernder Spielräume hinsichtlich des Einsatzes von Pflanzenschutzmittel sowie technischer Innovationen im Bereich chemisch-mechanischer Kombinationen, Lasertechnik und Robotik) sind auch konventionell wirtschaftende Betriebe weiterhin motiviert, sich mit alternativen Beikrautregulierungsmöglichkeiten in Zuckerrüben auseinanderzusetzen.

 

Ackerbegleitflora

Zuckerrüben unterscheiden sich bezüglich der Deckung und Artenzahl signifikant von anderen Hackkulturen wie Mais oder Kartoffeln. Typisch vorkommende Arten auf den Löss- und Schwarzerdeböden, die als Gunststandorte für Zuckerrüben gelten, sind z. B. das Einjährige Bingelkraut, die Gewöhnliche Vogelmiere, der Acker-Windenknöterich aber auch Gräser wie der Acker-Fuchsschwanz (Alopecurus myosuroides). Als Kultur, in der ein gutes mechanisches und zudem oft auch händisches Hackmanagement erfolgt, ist das Auflaufen von seltenen / gefährdeten Arten der Beikrautflora nur sehr eingeschränkt. Die Erhebungen der Vegetationsaufnahmen zur Beikrautflora erfolgten stets in den Monaten Juni/Juli.

Deckung Beikräuter

Die Art der Bewirtschaftung hat auch im Zuckerrübenanbau deutliche Auswirkungen auf die Deckung der Beikrautflora (Abb. 1). Während auf konventionellen Flächen durch die Herbizidanwendung ein sehr geringes Deckungsniveau von knapp 1 % vorkam, waren auf der herbizidfreien FINKA-Maßnahmenfläche im Durchschnitt 4 % und im ökologischen Landbau 13 % Deckung der Beikrautflora vorhanden. Eine Erklärung für den relativ hohen Deckungsanteil im ökologischen Zuckerrübenanbau könnte sein, dass die händischen Hack-Arbeiten im Kartierzeitraum noch nicht vollständig abgeschlossen waren.  

Abb. 1: Durchschnittliche Deckung (%) von Beikräutern/-gräsern innerhalb von 100m²-Transekten auf allen konventionell, herbizidfreien und ökologisch bewirtschafteten Zuckerrüben-Äckern in den Jahren 2022 und 2024. ©Meyer/Quente

 

Artenzahl Beikräuter

Im konventionellen Anbau waren im Mittel nur zwei Beikrautarten auf 100 m² im Feldinneren vorhanden. Auf den herbizidfreien FINKA-Flächen kamen durchschnittlich fünfmal (10) bzw. im ökologischen Landbau sechsmal (12) mehr Arten vor (Abb. 2).

Abb. 2: Durchschnittliche Artenzahl (n) von Beikräutern/-gräsern innerhalb von 100m²-Transekten auf allen konventionell, herbizidfreien und ökologisch bewirtschafteten Zuckerrüben-Äckern in den Jahren 2022 und 2024. ©Meyer/Quente

 

Höhere Deckungen (>5 %) gingen auf den ökologisch bewirtschafteten Feldern nur vom Acker-Windenknöterich (Fallopia convolvulus) und der Gewöhnlichen Vogelmiere (Stellaria media, Foto) aus. In anderen Hackkultursystemen gefürchtete Arten wie der Weiße Gänsefuß (Chenopodium album, Foto) oder der Schwarze Nachtschatten (Solanum nigrum) waren nur mit Einzelexemplaren vertreten. Gräser spielten, außer in einem Einzelfall mit 2-3 % Deckung des Acker-Fuchsschwanzes (Alopecurus myosuroides), keine Rolle im gesamten Zuckerrübenanbau. Als “Charakterart” in herbizidfrei und ökologisch bewirtschafteten Zuckerrübenfelden, und mit zum Teil Deckungswerten im unteren einstelligen Prozentbereich auftretend, gilt das Einjährige Bingelkraut (Mercurialis annua, Foto). Seltene und gefährdete Arten der Beikrautflora waren bis auf ein Einzelexemplar im Ökolandbau des in Niedersachsen im Bestand gefährdeten Blasser Erdrauch (Fumaria vaillantii, Foto) nicht zu finden.

Potentielles Blütenangebot

Das potentielle Blütenangebot zeigt an, wie viele Individuen (Einzelpflanzen) theoretisch zum Blühen kommen könnten und umfasst  zum Aufnahmezeitpunkt z.B. auch Keimlinge. Nicht eingerechnet sind hier “Verluste” oder “Kollateralschäden” wie z. B. durch noch folgende Herbizidanwendungen bzw. Striegeln oder die Ernte der Kultur und der anschließende Stoppelsturz bevor die Arten der Beikrautflora in die Blühphase kommen.

Bezüglich des potentiellen Blütenangebots zeigte sich im Zuckerrübenanbau ein klarer Trend: Hier ist im konventionellen Landbau mit weniger als 1 Blütenpflanze pro m² das geringste Blütenangebot vorhanden, während dieses in der herbizidfreien Variante um 100 % bzw. auf Öko-Feldern 15 Mal höher ist.

HNV-Naturwert

Seit 2009 führen Bund und Länder ein gemeinsames Monitoring der Landwirtschaftsflächen mit hohem Naturwert durch. Die hieraus gewonnenen Daten unterfüttern den sogenannten HNV-Farmland-Indikator (HNV = High Nature Value). Die Differenzierung in Qualitätsstufen erlaubt es, neben rein quantitativen Ergebnissen auch Informationen über den qualitativen Zustand der HNV-Farmland-Elemente bzw. Qualitätsveränderungen innerhalb der HNV-Farmland-Kulisse zu erhalten. Es werden für alle HNV-Typen drei Qualitätsstufen unterschieden:

  • HNV I –            äußerst hoher Naturwert (mehr als 8 Kennarten)
  • HNV II –            sehr hoher Naturwert (6-7 Kennarten)
  • HNV III –            mäßig hoher Naturwert (4-5 Kennarten)
Der Purpur-Taubnessel (Lamium purpureum) gilt vor allem bei Hummels als begehrte Trachtpflanze. ©Meyer

Die Qualitätsstufen richten sich nach der Anzahl von Vorkommen von definierten Kennarten (HNV-Taxa) z.B. die in Zuckerrüben zerstreut vorkommende Purpur-Taubnessel (Lamium purpureum, Foto). Kommen weniger als vier Kennarten im Aufnahmetransekt vor, dann kann der Fläche kein bzw. nur ein geringer Naturwert zugewiesen werden.

Bedingt durch das intensive Hacken der Zuckerrübenkulturen treten nur sehr selten HNV-Taxa wie die Sonnenwend-Wolfsmilch (Euphorbia helioscopia), die Purpur-Taubnessel (Lamium purpureum) oder Saat-Mohn bzw. Klatsch-Mohn (Papaver  cicutarium / P. rhoeas) auf. Diese sind dann ausschließlich im ökologischen bzw. herbizidfreien Landbau zu finden. Allen untersuchten Zuckerrüben-Flächen im FINKA-Projekt konnte kein Naturwert zugeordnet werden (Tab. 1).

Tab. 1: HNV-Wertstufen (X – keine Wertstufe, III – mäßig hoher Naturwert, II – hoher Naturwert, I – sehr hoher Naturwert) auf konventionell, herbizidfreien und ökologisch bewirtschafteten Zuckerrüben-Äckern in den Jahren 2022 und 2024. ©Meyer/Quente

Insekten

Rübenfelder und insbesondere Zuckerrübenfelder zeichnen sich durch einen hohen Anteil an Offenboden aus. Entsprechend finden sich dort Insektenarten und andere Wirbellose, die an Offenlandlebensräume angepasst sind und sich beispielsweise schnell über die Bodenoberfläche bewegen können. Besonders arten- und individuenreich sind hierbei die in der Nähe der Oberfläche lebenden Laufkäfer (Carabidae), Kurzflügelkäfer (Staphylinidae) und Spinnen (Araneae). Die oberirdischen Pflanzenteile werden von einer Vielzahl an Insekten besiedelt – darunter Schädlinge wie Blattläuse, aber auch viele Nützlinge wie zum Beispiel Marienkäfer (Coccinellidae), die sowohl als Larven, als auch als erwachsener Käfer an Blattläusen fressen. Weiterhin finden sich Schwebfliegen (Syrphidae) und Florfliegen (Chrysopidae), die ihre Eier in der Nähe von Blattlauskolonien ablegen sowie deren Larven und verschiedene spezialisierte Schlupfwespenarten (vor allem Aphidiidae).

In letzter Zeit ist besonders die Übertragung von Virenkrankheiten (verschiedene Formen der Gelbfleckigkeit) durch Blattläuse wie die Grüne Pfirsichblattlaus (Myzus persicae), die Schwarze Bohnenlaus (Aphis fabae), aber auch die neu auftretende Schilf-Glasflügelzikade (Pentastiridius leporinus) ein Thema im Pflanzenschutz. Die Kombination von Rüben mit anderen Feldfrüchten (Ackerbohne; Vicia faba) oder verschiedenen Anordnungen von Blühstreifen kann hierbei eine lohnenswerte Strategie sein, um den Pflanzenschutzmitteleinsatz zu reduzieren und die “kostenlosen” Leistungen nützlicher Insekten ökonomisch zu nutzen.

Tab. 2: Einige bedeutende Nützlinge und Schädlinge im Zuckerrübenanbau.

 

 

 

Insekten auf den FINKA-Flächen

Die Insekten auf den FINKA-Flächen wurden jährlich mit verschiedenen Fangsystemen erfasst, um zu erfassen, welche Effekte eine herbizid- und insektizidfreie Bewirtschaftung im Vergleich zum konventionellen Anbau hat. Dabei standen verschiedene Tiergruppen im Fokus und es kamen verschiedene, spezifische Fangsysteme zum Einsatz. So wurden die am Boden lebenden Tiere mit Bodenfallen (Boden-Trichter-Fallen; am Boden eingegrabenen Trichter und Fanggefäße) und die Fluginsekten mit Flugfallen (sogenannten VaneTraps; kleine Fenster-Flügelfallen, die ähnlich des Farbschalen-Konzeptes mittels farbigen Flügelscheiben eine Lockwirkung auf die Fluginsekten ausüben) erfasst. Um ein möglichst weites Spektrum an Insekten abzubilden, wurden im FINKA Projekt jeweils eine Kombination verschiedenfarbiger Flugfallen auf den Versuchsflächen aufgestellt. Als weiteres Erfassungssystem kamen Nisthilfen für Wildbienen zum Einsatz. Diese befinden sich aktuell noch in der Auswertung. Die Auswahl des Aufstellungsortes innerhalb der Felder erfolgte zufällig ausgewählt immer innerhalb des Feldes, mit ausreichend Abstand zum Rand, um Effekte des Feldrandes oder Einwirkung von Bewirtschaftungsmaßnahmen auf benachbarten Feldern zu vermeiden.

Biomasse fliegender Insekten

Zur Bewertung des Zustands von Insektenpopulationen in der Ökologie wird im Monitoring häufig die Biomasse fliegender Insekten als Indikator herangezogen. Abb. I  beinhaltet alle Daten von den Jahren 2021 bis 2023, jeder Punkt ergibt sich aus dem Mittel der gewogenen Biomassen der drei verschiedenfarbigen Fallen (weiß, blau und gelb) je Fläche und Beprobung. Die ökologischen Flächen weisen im Gegensatz zu den konventionellen Flächen über die Jahre signifikant mehr Biomasse fliegender Insekten auf. Die Biomassen unterscheiden sich zwischen den konventionellen und herbizid-/insektizidfreien Flächen nicht, jedoch zeigt sich auf den FINKA-Flächen ein deutlich positiver Trend der Zunahme von Insekten (Abb. I). Auf den konventionellen Flächen wurde im Schnitt eine Biomasse von 16 g erfasst, auf den herbizid-/insektizidfreien Flächen und den ökologischen Flächen wurden im Schnitt 19 und 20 g gemessen. Dies entspricht einem Unterschied von etwa 20% geringerer Biomasse in den konventionellen Flächen. Das Gewicht der Biomasse schwankte stark zwischen den Jahren und wurde sehr durch die Kulturart beeinflusst. In 2022 waren die klimatischen Bedingungen mit vielen sonnigen Tagen und warmen Temperaturen für Insekten besonders optimal, was sich auf die generell erhöhten Biomassen im Vergleich zu den anderen Jahren spiegelt. Jedoch zeigte sich auch in diesem Jahr der positive Trend der Biomassen Zunahme auf den FINKA-Flächen. Auch unter Berücksichtigung der Unterschiede zwischen den Jahren zeigen die ausgewerteten Biomassen, dass der Verzicht auf Herbizide und Insektizide zu einer Zunahme von fliegenden Insekten beiträgt.

Abb. I: Durchschnittliche Biomasse fliegender Insekten in Gramm je Fläche, in Abhängigkeit von der Bewirtschaftung aus den Jahren 2021-2023 über alle Kulturen (modellbasierte Mittelwerte, glmmTMB, Modell glmmTMB, Statistiksoftware R). Die vertikalen schwarzen Balken stellen 95% Konfidenzintervalle dar. ©Bohacz/Ott/Scherber

 

Artenanzahl fliegender Insekten

Die Artenzahl der Fluginsekten wurde mit derselben Fangmethodik wie die Biomasse erfasst. Abb. II beinhaltet alle Daten von den Jahren 2021 bis 2023, jeder Punkt ergibt sich aus dem Mittel der erfassten Artenzahl aus der gelben Falle je Fläche und Beprobung. Die ökologischen Flächen weisen im Gegensatz zu den konventionellen Flächen deutlich höhere Artenzahlen fliegender Insekten auf. Die Unterschiede in der Artenzahl zwischen der konventionellen und herbizid-/insektizidfreien Behandlung sind nicht signifikant, jedoch zeigt sich auf den FINKA-Flächen ein deutlich positiver Trend der Zunahme von Insekten (Abb. II), was sich über die Jahre verstärkt.

Abb. II: Durchschnittliche Artenanzahl fliegender Insekten je Fläche in Abhängigkeit von der Bewirtschaftung aus den Jahren 2021-2023 über alle Kulturen (modellbasierte Mittelwerte, glmmTMB, Modell glmmTMB, Statistiksoftware R). Die vertikalen schwarzen Balken stellen 95% Konfidenzintervalle dar ©Bohacz/Ott/Scherber

 

Auswirkung der Kultur auf fliegende Insekten

Erwartungsgemäß variieren die Artenzahlen und Biomassen der fliegenden Insekten mit den Kulturen. Dieser Unterschied wird in Abb. III für die Biomasse von Insekten für alle Kulturen mit Daten aus den Jahren 2021 bis 2023 dargestellt, aus den gewogenen Biomassen der drei verschiedenfarbigen Fallen (weiß, blau und gelb). Allerdings ist ein statistischer Vergleich zwischen allen Kulturen aufgrund der geringen Anzahl der untersuchten Flächen einzelner Kulturen nicht generell zulässig. Es werden lediglich die relativen Unterschiede dargestellt. Es findet sich generell eine hohe Biomasse in den Leguminosen. Hier kommt zum Aufnahmezeitpunkt der Blühaspekt dieser Kulturen zu tragen, der eine entsprechende Lockwirkung auf die vor allem bestäubenden Fluginsekten hat. Darauf folgen hohe Biomassen in Getreide und Mais. Die geringsten Biomassen finden sich bei Kartoffeln und Zuckerrüben, wobei hier nur eine sehr geringe Anzahl an Untersuchungsflächen untersucht werden konnte und daher nicht im generellen Vergleich repräsentativ ist. Deutlich ist jedoch zu erkennen, dass im Vergleich der Behandlungen für alle Kulturen die ökologische Behandlung immer die höchste Biomasse aufweist, während die konventionelle Behandlung immer die niedrigsten Biomassen zeigt. Die Biomasse der FINKA-Flächen liegt immer höher im Vergleich zur konventionellen Behandlung, allerdings niedriger im Vergleich zur ökologischen Behandlung. In den Analysen wurden die unterschiedlichen Einflüsse der Kulturen berücksichtigt.

Abb. III: Durchschnittliche Biomasse fliegender Insekten in Gramm in den Bewirtschaftungen konventionell, herbizid-/insektizidfrei und ökologisch aus den Jahren 2021-2023, in Abhängigkeit von der angebauten Kultur (modellbasierte Mittelwerte, glmmTMB, Statistiksoftware R). Die vertikalen schwarzen Balken stellen 95% Konfidenzintervalle dar ©Bohacz/Ott/Scherber

 

Bodentiere mit Fokus Laufkäfer

Die bodenbewohnenden Arthropoden zeigten keine signifikanten Unterschiede in der Zusammensetzung ihrer Artgemeinschaften zwischen den verschiedenen Bewirtschaftungsformen. Bei den Insekten stellen Laufkäfer (Carabidae) die mit Abstand häufigste Gruppe dar und spielen eine wichtige Rolle als Nützlinge, da sie zur Regulation von Schädlingen beitragen. Eine ähnliche Funktion übernehmen die Kurzflügelkäfer (Staphylinidae), die aber anteilig eher nur gering vertreten waren. Die zweithäufigste Gruppe waren die mit den Insekten verwandten Spinnen (Araneae), wobei hier hauptsächlich die am Boden freilaufenden und jagenden Arten erfasst wurden.

In der weiteren Auswertung wurde aufgrund ihrer dominierenden Rolle genauer auf die Laufkäfer geschaut. Insgesamt konnten für die Biomasse und Artenzahl der Laufkäfer keine keine signifikanten Unterschiede zwischen den Bewirtschaftungsformen (konventionell, herbizid-/insektizidfrei und ökologisch) festgestellt werden. Allerdings zeigte sich tendenziell eine höhere Anzahl an Laufkäferarten in den herbizid-/insektizidfreien Bewirtschaftung im Vergleich zur konventionellen Bewirtschaftung (Abb. IV). Des Weiteren wurden auf den herbizid-/insektizidfreien Flächen mehr Arten nachgewiesen, die neben Schädlingen wie Schnecken und Raupen gerne Beikrautsamen verzehren und somit die Samenbanken erheblich reduzieren können. Der Schadkäfer Getreidelaufkäfer (Zabrus tenbroides), der das Potenzial hat als Kalamität aufzutreten, wurde nur selten gefunden. Insgesamt waren räuberische Arten und Mischköstler am häufigsten vertreten, was die Nutzwirkung dieser Gruppe unterstreicht.

Abb. IV: Durchschnittliche Anzahl von Laufkäferarten je nach Bewirtschaftung aus den Jahren 2022-2023 über alle Kulturen hinweg (modellbasierte Mittelwerte, Modell glmmTMB, Statistiksoftware R), die vertikalen schwarzen Balken stellen 95% Konfidenzintervalle dar. ©Bohacz/Kaiser/Colak/Ott/Scherber

 

Fazit

Nimmt man die Flächen der Öko-Betriebe als Entwicklungsziel mit der im Vergleich höchsten Insektenvielfalt, so nähern sich die Flächen mit insektizid- und herbizidfreier Behandlung in Bezug auf die Indikatoren Biomasse und Artenzahl der Fluginsekten über die Jahre immer mehr der ökologischen Variante an, und zwar über die unterschiedlichen Kulturen und Standorte hinweg. Dieser Effekt ist auch bei schwankenden klimatischen Bedingungen und unterschiedlich hoher Gesamtmengen an Insekten zwischen den Jahren stabil.

Blühstreifen neben einem Rübenfeld (BLE-gefördertes Projekt “FlowerBeet ”). Solche Blühstreifen können bis zu einem Abstand von 10 m ins Feld hinein zu einer starken Reduktion des Befalls mit Blattläusen beitragen und ungefähr so stark reduzierende Wirkung haben, wie Insektizdeinsatz. Die Wirkung geht dabei auf räuberische Insekten zurück, die die Blattläuse effizient kontrollieren. ©Scherber